Mikroplastik in der Umwelt – kleine Partikel, großer Schaden?

Kunststoff als Material erfreut sich aufgrund der kostengünstigen Produktion und der vielfältigen Verwendungsmöglichkeiten zunehmender Beliebtheit. Kehrseite der Medaille und stetig wachsendes Problem für die globalen Ökosysteme sind aber die Kunststoffe, die in die Umwelt gelangen. So gewinnt das Thema in der öffentlichen Wahrnehmung erfreulicherweise auch immer mehr an Bedeutung. Für jedermann erkennbar, ob im Urlaub an Stränden oder zuhause im Alltag, die Natur wird allzu oft von Plastikabfällen verunstaltet.

Neben diesen größeren Kunststoffobjekten – dem Makroplastik – wie z. B. Plastiktüten, Verpackungen, Flaschen oder Teilen hiervon, werden aber auch kleine, nicht direkt sichtbare Kunststoffabfälle, sogenanntes Mikroplastik, in die Umwelt eingetragen. Als Mikroplastik werden feste und unlösliche Kunststoffe bezeichnet, die einen Durchmesser von weniger als fünf Millimeter haben. Diese entstehen durch Verschleiß und Abrieb während der Nutzung von Kunststoffen (z.B. Abrieb von Autoreifen, Textilien, Farben und Lacken) oder werden speziell in dieser Größe für einen bestimmten Verwendungszweck hergestellt (z.B. Microbeads in Kosmetika).

Viele Fragen über eventuell schädliche Auswirkungen durch den Eintrag von Kunststoffen in die Umwelt sind noch offen.

Diesen Umstand haben wir zum Anlass genommen, Herrn Torsten Weber, Umweltingenieur am Fraunhofer-Institut für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik UMSICHT, um ein Interview zu bitten. In der Abteilung Nachhaltigkeits- und Ressourcenmanagement beschäftigt sich Herr Weber mit der Abschätzung von Mikrokunststoffen in der Umwelt.

EVS-Blog: Herr Weber, Ihren aktuellen Studien zufolge, setzt jede(r) Deutsche im Durchschnitt pro Jahr rund 5.400 Gramm Kunststoff frei. Eine erschreckend hohe Zahl, wenn man bedenkt, wie leicht das Material an sich ist. Worin sehen Sie die größten Gefahren einer zunehmenden Belastung von Böden und Gewässern mit Mikroplastik?

Torsten Weber: Die Frage, was passiert, wenn immer mehr Mikroplastik in die Umwelt gelangt, lässt sich noch nicht abschließend beantworten. Die Möglichkeit, dass Kunststoffe in die Nahrungskette gelangen können, ist beispielsweise nur ein Aspekt unter vielen. Das Ausmaß möglicher negativer Auswirkungen von Mikroplastik auf die Menschen und die Umwelt lässt sich noch nicht vollständig abschätzen, man könnte sozusagen von einer großen Unbekannten sprechen. Erste Hinweise auf schädliche Effekte gibt es aber bereits. Kunststoffe in Gewässern und Böden können kaum von Mikroorganismen abgebaut werden. Es ist einfach so, dass die Persistenz von Kunststoffen in der Umwelt sehr hoch ist. Selbst wenn es so aussieht, als würden sie abgebaut, zerfallen sie stattdessen zu immer kleineren Partikeln. Die Abbauzeiträume können unter Umständen je nach Szenario mehrere hundert Jahre betragen. Deshalb kommt es zu einer Anreicherung der Umwelt mit Mikroplastik, die möglicherweise nicht folgenlos bleiben wird.

EVS-Blog: Auf welchen Wegen gelangt besonders viel Mikroplastik in die Umwelt?

Torsten Weber: Wie zu Beginn unseres Gespräches schon angedeutet unterscheidet man verschiedene Typen von Mikroplastik. Zum einen Mikroplastikpartikel, die bei der Herstellung von Konsumgütern gezielt zum Einsatz kommen -zum Beispiel Reibköper in Kosmetik- und Reinigungsprodukten. Der weitaus größte Teil des Mikroplastiks entsteht erst bei der Nutzung eines Produkts, klassisches Beispiel und in Deutschland größte Quelle von Kunststoffemissionen ist der Abrieb von Reifen. Aber auch der Faserabrieb, der beim Waschen von Kunststofftextilien anfällt, trägt wesentlich zur Umweltbelastung bei. Als dritte Kategorie ist das Mikroplastik zu nennen, das durch die Verwitterung von Makroplastik in der Umwelt entsteht.

EVS-Blog: Die EVS-Kampagne „Ein Herz für die Tonne“ zielt darauf ab, das wertvolle Material, das in der Biotonne gesammelt wird, sauber – also ohne störende Stoffe wie Plastik, Metall, Glas, etc. – zu erhalten. Würden Sie sagen, dass wir damit an einem relevanten Punkt ansetzen?

Torsten Weber: Ja, sicherlich. Wenn Sie ihre Kunden davon überzeugen könnten, sauber zu trennen, wäre ein großer Beitrag zur Vermeidung von Mikroplastik geleistet. Problematisch sind die Fehlwürfe, z.B. die Entsorgung verpackter Lebensmittel oder von Bioabfall mitsamt der Kunststoffverpackung. Bei der Zerkleinerung im Kompostwerk wird die Verpackung, wenn sie nicht aussortiert werden konnte, mitzerkleinert, wodurch Mikroplastik entsteht. Vielfach kann man den feinen Teilchen ansehen, dass sie von Tüten und anderen Behältnissen herrühren, die durch eine falsche Entsorgung in Biotonnen gelandet sind. Bei der Verarbeitung von Bioabfällen zu Kompost lassen sich einfach nicht alle Partikel restlos aussortieren. Dadurch gelangt das Mikroplastik über den Kompost wieder auf die Felder und damit in die Umwelt.

EVS-Blog: Was kann jeder einzelne darüber hinaus ganz konkret tun, um die Belastung der Umwelt durch Plastikstoffe zu verringern?

Torsten Weber: Der Katalog an möglichen Maßnahmen ist ellenlang. Abgesehen von der Verantwortlichkeit der Industrie, die Entstehung von Mikroplastik zu verringern, sollte sich insbesondere jeder einzelne fragen, welche Schnittmengen es im täglichen Verhalten gibt und wie man aktiv zur Verringerung von Kunststoffen in der Umwelt beitragen kann.

Abfälle sollten nicht achtlos weggeworfen werden. Verbraucher können bewusster konsumieren und z.B. speziell auf langlebige Produkte setzen. Anstatt einen Kunststoffschwamm in der Küche zu verwenden, sollte eher zum Baumwolllappen gegriffen werden, den man wieder waschen kann. Autofahrer sollten sich eine defensive Fahrweise aneignen, denn das brächte gleich einen zweifachen Nutzen. Zum einen kann dadurch der Reifenabrieb, Übeltäter Nummer 1, wenn es um den Eintrag von Mikroplastik in die Umwelt geht, verringert werden und zum anderem auch die Emission schädlicher Abgase. Weniger Autos auf den Straßen hätten natürlich einen ähnlich großen Effekt…

Natürlich stehen auch die Unternehmen in der Pflicht, ihre Kunststoffmengen zu reduzieren. So haben sich manche Unternehmen aus der Kosmetikindustrie schon bereit erklärt, partikuläre Mikrokunststoffe in ihren Produkten sukzessive durch natürliche Partikel zu ersetzen. Im Internet können sich Verbraucher übrigens informieren, in welchen Kosmetik- und Pflegeprodukten sich noch Mikroplastik versteckt.

Abgesehen vom generellen Nutzen, Kunststoffabfälle zu vermeiden, kommt es entscheidend darauf an, wo man die Abfälle entsorgt. Die Toilette als Ersatz für die Mülltonne zu nutzen, ist dabei eine besonders schlechte Idee. Nehmen wir nur das Beispiel Medikamente, die sowohl unter dem Blickwinkel Wirkstoffe als auch dem darin als Zusatz enthaltenen Mikroplastik nicht ins Abwasser gehören. Ebenso wie Zahnbürsten, Wattestäbchen, Hygienetücher und andere Produkte mit oder aus Kunststoff. Wir sollten uns vor Augen halten, dass Kläranlagen schon einen sehr großen Teil von Mikroplastik aus den Abwässern herausfiltern können, aber es gelangt schlussendlich immer noch ein Rest davon in die Gewässer.

EVS-Blog: Vielen Dank Herr Weber für das Interview. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Erfolg bei Ihrer Forschungsarbeit.

Weitergehende Informationen zum Thema Mikroplastik in der Umwelt finden Sie beispielsweise unter:

https://www.umsicht.fraunhofer.de/de/forschung-fuer-den-markt/mikroplastik.html

https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/bund-einkaufsratgeber-mikroplastik/

Autor: Michael Bauer / EVS-Blog

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